Die Arbeit versteht sich als work in progress. Der Forscherkreis trifft sich zu regelmäßigen Forschungskolloquien. Die Ergebnisse dieser Kolloquien werden in einzelnen Beiträgen hier sukzessive veröffentlicht und zur Diskussion gestellt.

Veröffentlichungen

Denken und Wahrnehmen in der Sozialen Kognition – Zur Position Rudolf Steiners

Bernhard Schmalenbach (2022)
Abstract:

Rudolf Steiners philosophisches Werk, welches für die Begründung der Waldorfpädagogik eine zentrale Bedeutung hat, ist seitens der akademischen Philosophie bislang kaum bearbeitet worden. Dies gilt insbesondere auch für seine sozialphilosophischen Ideen zu den Fragen der Intersubjektivität, welche gegenwärtig auch unter dem Begriff Soziale Kognition diskutiert werden. Auch wenn sozialphilosophische Positionen in Steiners erkenntnistheoretischen Werken angelegt sind, wurden diese nicht systematisch ausgearbeitet, sondern bleiben fragmentarisch. Dies gilt auch für Ausführungen in anderen Schriften und in Vorträgen. Im folgenden Text wird Steiners Position anhand einer kurzen Passage im Anhang seiner Philosophie der Freiheit analysiert und in den Kontext zeitgenössischer Positionen gesetzt. Es wird gezeigt, dass Steiner die Möglichkeit einer Wahrnehmung fremden Denkens vertritt, welche jedoch nicht unmittelbar und nicht voraussetzungslos erfolgt, welche aber ein zentrales Element sozialer Kognition darstellt. Diese wird nicht nur propositional, sondern auch als Beschreibung des Vollzugs sozialer Wahrnehmung rekonstruiert. Schließlich befragt der Beitrag die Bedeutung dieser Konzeption im Hinblick auf soziale, pädagogische und therapeutische Aufgabenstellungen in Verbindungen mit Störungen der sozialen Interaktion, u.a. im Zusammenhang mit dem Autismus.

Keywords: Autismus, Direkte Soziale Wahrnehmung, Intersubjektivität, Mentalisierung, Phänomenologie des Bewusstseins, Psychopathologie, Rudolf Steiners Heilpädagogischer Kurs, Struktur des Dialoges, Theorien der Sozialen Kognition, Theory of Mind

Wahrnehmung und Ich-Prozess

Wolf-Ulrich Klünker (2022)
Abstract:

Die Einbeziehung der Todesschwelle gehörte für nahezu 2500 Jahre zu den Ausgangspunkten der wissenschaftlichen Psychologie. Entsprechende Andeutungen des Aristoteles in seinen „Büchern über die Seele“ wirkten bis in die wissenschaftliche Psychologie des 19. Jahrhunderts hinein. Verbunden war mit dieser Perspektive ein Begriff des leibschaffenden Denkens, die Rudolf Steiner in seinem „Heilpädagogischen Kurs“ indirekt aufgreift. Eine so begründete Anthroposophie und Anthropologie führen auf ein differenziertes Verständnis des Wahrnehmungsprozesses. Subjekt und Objekt werden so aufeinander bezogen, dass sich die menschliche Individualität nicht mehr im eigenen Ich isoliert. Ein Begriff des peripheren Ich kann die Welt enthalten, mit der sich der individuelle Mensch verbindet. In einer solchen Perspektive kann der Nervenprozess im Menschen als eine Repräsentanz der Welt im Menschen verstanden werden. Es zeigt sich, dass ein „erfülltes“ Erleben des äußeren Raumes ein „erfülltes“, mit der Umgebung verbundenes Innenerleben des Ich voraussetzt. Die „Tiefe“ des Raumes geht verloren, wenn der seelische Innenraum leer wird. Eine Wissenschaft, die auf solchen menschenkundlichen Grundlagen aufbaut, kann nicht einfach Gegenstände „an sich“ betrachten, sondern müsste die Entwicklung des Gegenstandsbereichs durch den Menschen einbeziehen.

Keywords: Analyse und Synthese, Begriff des Raumes, Forschungsmethode, Geistbegriff, Individualität, Isolation und Depression, Leib, Natur und Unter-Natur, Nerven, Seele, Subjekt und Objekt, Tastsinn, Todesschwelle, Wahrnehmung, Wissenschaftsgeschichte der Psychologie

Denken, Fühlen, Wollen (Wille und Vorstellung)

Wolf-Ulrich Klünker (2022)
Abstract:

Anthroposophie beruht wie jede nichtobjektivistische Psychologie auf der Selbsterkenntnis des erkennenden Menschen. Es ist keine Erkenntnisentwicklung ohne Selbstentwicklung des Erkennenden möglich; umgekehrt setzt die geistige Selbstaktivierung des erkennenden Subjekts einen Erkenntnisfortschritt im Objektbereich voraus. Aus einer solchen Beziehung von Subjekt und Objekt ergibt sich ein neuer Wissenschaftsbegriff, der die existentiellen und geistigen Grenzerfahrungen des Forschers impliziert. Die wissenschaftshistorische Methode des „Begriffsrealismus“ wird im „Heilpädagogischen Kurs“ Rudolf Steiners als Zugang zu der individuellen leibschaffenden Kraft des Denkens weiterentwickelt. Damit befreit sich das Bilden von Begriffszusammenhängen (also auch das wissenschaftliche Denken) aus der Abstraktheit; Begriff und Wirklichkeit verbinden sich in den individuellen Erkenntnisbemühungen. Die Beziehungen von psychischer und physischer Existenz werden in neuer Weise verständlich.

Keywords: Begriffsrealismus, Denken und Lebensprozesse, Der Begriff des Unbewussten, existentielles und geistiges Grenzerleben, Gefühlsbildung und Biografie, physische und psychische Existenz, Psychologie, Psychotherapie und Anthroposophie, Selbstgefühl und Weltbezug, Subjekt und Objekt

Wissenschaft des Ich – Erkenntnisgrundlagen und Geschichte einer neuen Psychologie

Wolf-Ulrich Klünker (2021)
Abstract:

Der Ich-Begriff der Anthroposophie knüpft an das Verständnis von Individualität an, wie es sich in der Wissenschaftsgeschichte der Psychologie seit Aristoteles entwickelt hat. Die Voraussetzung bildet dabei eine Perspektive auf den menschlichen Leib bzw. Organismus im Sinne des Prinzips anima forma corporis (die Seele als Formkraft des Leibes). Mit dieser bio-grafischen Differenzierung von Seele und Leib verbindet sich ein Begriff des individuellen Geistes, der seit Aristoteles die Frage nach der Schwelle beinhaltet. Über 2500 Jahre der Ent-wicklung von Psychologie wird Individualität im Hinblick auf eine mögliche geistig-seelische Existenz des Menschen nach dem Tod wissenschaftlich diskutiert. An diese Tradition schließt Rudolf Steiner implizit z.B. in seinem Heilpädagogischen Kurs (1924) an und entwickelt dort auch Grundlagen einer zukunftsoffenen Psychologie und Psychiatrie mit weitreichenden therapeutischen Perspektiven.e bewusst und stellen ein verkörpertes Bewusstsein der unmittelbaren leiblichen Dynamik dar.

Keywords: Aristotelismus, das Prinzip anima forma corporis, Geist, Individualität und Ich-Begriff, Leib, Menschenbild der Anthroposophie, nachtodliche Existenz, Rudolf Steiners Heilpädagogischer Kurs, Seele, Wissenschaftsgeschichte der Psychologie

Wahrnehmung als leibliche Dynamik und verkörpertes Bewusstsein

Wilfried Sommer (2020)
Abstract:

Ausgehend von der raumgebenden Dimension eines pädagogischen Blicks, der Resonanzbeziehungen in der Begegnung der Schüler*innen mit den Unterrichtsinhalten eröffnet und fasst, werden sowohl Aspekte der Resonanzdynamik des zwischenmenschlichen Blicks als auch der unbefangenen Wahrnehmung beschrieben und analysiert. In dem Rahmen, den Fuchs‘ Entwurf einer phänomenologischen Anthropologie und Steiners anthropologischer Entwurf der Allgemeinen Menschenkunde bilden, erweisen sich die Resonanzbeziehungen als eine leibliche Dynamik. Sie werden in gegenständlicher Weise bewusst und stellen ein verkörpertes Bewusstsein der unmittelbaren leiblichen Dynamik dar.

Keywords: Allgemeine Menschenkunde, Anthropologie, Anthroposophie, Anthroposophische Heilpädagogik, Heilpädagogischer Kurs, Ich-Welt-Beziehung, pädagogischer Blick, phänomenologische, phänomenologische Anthropologie, Resonanzbeziehung, Resonanzdynamik, Resonanzpädagogik, Steiner, Wahrnehmungsvorgänge, Waldorfpädagogik, Weltverbundenheit

Die Sinnesorgane als voraneilende Organbildung der Leibesentwicklung

Christian Schikarski (2020)
Abstract:

Anhand von Überlegungen zur Organbildung der Sinne und der Art der Bewusstseinsentwicklung an und in diesen Organen wird entwickelt, dass die Sinnesorgane unter einem bestimmten Aspekt der übrigen Leibesbildung weit voran gehen. Bedingungen, die für den übrigen Leib, insbesondere den Stoffwechsel und den Bewegungsapparat erst nach Jahren eintreten, sind in vielen Fällen schon in den ersten Monaten erfüllt. So kann – auch unter Bezugnahme auf Überlegungen Rudolf Steiners – verdeutlicht werden, wie die Reifung des Leibes insgesamt sich in seinen verschiedenen Teilen bis in das 20. Lebensjahr erstreckt, die Sinne in ihrer Entwicklung aber eine Frühreife durchlaufen und dadurch eine zuverlässige Anbindung an die Sinneswelt schon im Lebensbeginn ermöglichen.

Keywords: Anthropologie, Anthroposophie, Embryologie der Sinne, Ich-Organisation, Sinne, Sinnesphysiologie, Wahrnehmung

Entwicklung denken und begleiten – Über den Bezug der Waldorfpädagogik und Waldorf-Heilpädagogik zur Goethe`schen Phänomenologie (Teil 2)

Bernhard Schmalenbach (2020)
Abstract:

Es ist die Aufgabe von Pädagogik und Heilpädagogik, Entwicklungsprozesse wahrzunehmen, zu beschreiben und zu begleiten. Die Waldorfpädagogik und -Heilpädagogik beziehen sich hier auf die Begriffe und Methoden der Phänomenologie im Sinne Goethes. Diese ermöglicht ein Verständnis von Ganzheitlichkeit, das nicht nur Wechselwirkungen beschreibt, sondern auch dazu befähigt, das ‚Ganze‘ in seinen diversen Ausdrucksformen und in deren Entwicklung wahrzunehmen. Der vorliegende Beitrag soll zeigen, dass das Prinzip von Ganzheitlichkeit und der Gedanke der Metamorphose im Sinne Goethes in relevante zeitgenössische psychologische und heilpädagogische Konzepte Eingang gefunden haben. Weiter wird deutlich, dass Impulse aus der Waldorfpädagogik und Heilpädagogik das Potential haben, diesen Ansatz weiter zu vertiefen, insbesondere auf dem Weg dahin, die Verbindung von körperlichen, seelischen, geistigen und sozialen Dimensionen menschlicher Existenz zu verstehen. 

Keywords: Anthroposophische Heilpädagogik, Behinderung und Verkörperung, Biographie, Entwicklungspsychologie, Ganzheitlichkeit, phänomenologische Methode, Waldorfpädagogik

Karma als Konsequenz der ideenrealistischen Willensauffassung Steiners

Wilfried Sommer (2020)
Abstract:

Wie in einem vorangehenden Aufsatz des Autors auf dieser Plattform erläutert, fasst Steiner in seinen anthropologischen Entwürfen der Allgemeinen Menschenkunde und des Heilpädagogischen Kurses die Beziehungskraft des Willens als tätigen Vollzug in einer geistigen Bezogenheit auf. In dem vorliegenden Aufsatz wird die volitionale Dimension einer kognitiven Lehr-Lern-Episode im Unterricht der Waldorfschulen unter der angeführten Perspektive untersucht. Dabei zeichnen sich die im Lernprozess gefassten Ideen durch eine inhärente Dynamik aus, sie treten in immer gehaltvolleren und auch integrierenderen Formen in Erscheinung. Kontrastierend zu ideenrealistischen Position Steiners erweist sich die Episode in der Perspektive der phänomenologischen Anthropologie als die Implikation einer Weltbegegnung in die unbewusste Leiblichkeit, die dann durch den Unterricht in mannigfaltige Explikationen überführt wird. Indem beide Perspektiven von der Lehr-Lern-Episode auf die Ich-Welt-Beziehung erweitert werden, zeichnet sich ab, wie Steiners Karmabegriff als Konsequenz seiner ideenrealistischen Willensauffassung gedacht werden kann.

Keywords: Allgemeine Menschenkunde, Anthropologie, Beziehungsweisen und Bezogenheiten, Heilpädagogischer Kurs, Ich-Welt-Beziehung, Ideenrealismus, Karmabegriff, phänomenologische, phänomenologische Anthropologie, relationale, Steiner, Waldorfpädagogik

Sympathie und Antipathie als erzieherische Kräfte – Über Rudolf Steiners Hinweise in der Allgemeinen Menschenkunde und im Heilpädagogischen Kurs

Walter Riethmüller (2019)
Abstract:

In seinen Vorträgen zur Pädagogik 1919 bis 1924 entwickelt Rudolf Steiner systematisch den methodischen Weg einer individualisierenden Pädagogik; im zweiten Vortrag des ersten Lehrerkurses „Allgemeine Menschenkunde“ (GA 293) und des zeitlich daran direkt anschließenden Vortrags im „Methodisch-Didaktischen“ (GA 294) beschreibt er die grundlegenden Seelenkräfte der Sympathie und Antipathie und weist dabei die Lehrerpersönlichkeiten auf die Möglichkeiten hin, mit bewusster Selbstschulung sich dieser Kräfte systematisch zu „bedienen“, um das Rätsel des Kindes durch erziehenden Unterricht zu lösen. An diesen Gesichtspunkt des sich selbst erziehenden Lehrers appelliert er unter variierenden Gesichtspunkten immer wieder sehr eindrücklich; besonders bemerkenswert sind die Gedanken, die er 1922 in Oxford (GA 305) und 1923 in Dornach (GA 306) diesem Thema widmet; man erlebt einen systematischen Aufbau bis hin zu einer Art Gebet, wie Steiner es nennt, einer „Meditation“, welche die spirituelle Dimension des Erziehungsprozesses aufreißt. Im Vergleich zu den ersten grundlegenden Ausführungen 1919 wird dann fünf Jahre später im Heilpädagogischen Kurs besonders deutlich, dass Steiner hier nochmals eine Steigerung dieses Schulungsweges als Grundlage einer dezidiert „heilenden“ Erziehung vornimmt.

Keywords: Ausgelöschtsein, Individualisierung, Lehrerpersönlichkeit, Persönlichkeitsgeist, Physiognomische Pädagogik, Selbsterziehung, Temperamente, Unbefangenheit

„Lebendiges Wissen“ – Über den Bezug der Waldorfpädagogik und Waldorf-Heilpädagogik zur Goethe’schen Phänomenologie (1. Teil)

Bernhard Schmalenbach (2019)
Abstract:

Rudolf Steiners schriftliche Äußerungen zur Pädagogik umfassen nicht mehr als 80 Seiten. In diesen stellt er insbesondere seinen Anspruch dar, Gedanken zu formulieren, die es der Pädagogin und dem Pädagogen ermöglichen, zu einem ‚lebendigen Wissen‘ zu gelangen, welches die Brücke zwischen pädagogischen bzw. anthropologischen Theorien und Normen auf der einen Seite und den unmittelbaren Wahrnehmungen in der pädagogischen Situation auf der anderen Seite bilden soll. Der hier vorliegende Text rekonstruiert die Merkmale dieser Wissenskonzeption sowie deren Verwurzelung in Goethes Ausführungen zur Naturerkenntnis und erarbeitet Bezüge zu klassischen und zu aktuellen Theorien der Pädagogik und Heilpädagogik, unter besonderer Berücksichtigung der Begriffe ‚Ganzheit‘ und ‚Metamorphose‘.

Keywords: Anthropologie der Waldorfpädagogik und Heilpädagogik, Formen des Wissens, Ganzheitlichkeit, Goethes Naturwissenschaft, Metamorphose, phänomenologische Methode